Ali 001

Normalerweise braucht Pizzabäcker Ali eine halbe Stunde zur Arbeit. Doch als 2012 der Krieg in Aleppo ankommt, verändert sich der Alltag rasant. Plötzlich dauert der Weg von Alis Dorf nach Aleppo schon einmal 7 Stunden, denn die Straße wird immer wieder blockiert, mal von Kurden, mal vom IS oder der Opposition. Der 34jährige fürchtet um seine Familie, er beginnt zu sparen und beschließt, Aleppo zu verlassen.

Im März 2013 bricht die kurdische Familie mit ihren vier Kindern auf. Ali hat 1200 Dollar in seinen Schuhen versteckt. Erste Station ist Afren. Eine schöne, reiche Stadt. Unbezahlbar für Familien, schon nach ein paar Tagen ist die Hälfte des Geldes weg und die Familie bricht wieder auf - Richtung Türkei. Für den Grenzübertritt brauchen sie Schmiergeld, das Geld wird weniger.

In der Türkei ist die erste Anlaufstelle Izmir. Eine Zeit lang gewährt ihnen Alis Schwester Unterkunft, denn es ist schwer, eine Wohnung für die große Familie zu finden. Irgendwann gelingt es, und sie ist so teuer, dass beide Eltern permanent arbeiten müssen. Für Frauen nicht einfach. Ali erzählt: „Als meine Frau Arbeit gesucht hat, wurde erwartet, dass sie mit dem Mann eine Beziehung eingeht, ihn küsst oder umarmt. Als sie das nicht wollte, bekam sie die Arbeit nicht“. Letztlich arbeitet Ali als Schreiner, seine Frau täglich ca. 16 Stunden im Restaurant als Aushilfe.

Über ein Jahr lebt Ali mit seiner Familie in Izmir. Aber er möchte weiter – nach Deutschland. Insgesamt sechs Mal versucht er es, z.B. der zweite Versuch: Die Geflüchteten steigen ins Boot nach Griechenland. Einigen zeigt der Fahrer die Route. Manche rufen sie auf dem Handy auf – und erkennen dank Google Maps, dass die Route ins Niemandsland führt. Sie wollen wieder vom Boot fliehen, werden mit der Pistole bedroht. Ali lässt seine Habseligkeiten zurück und springt ins Wasser, ohne schwimmen zu können. Er schafft es ans Land und läuft mit zwei anderen Flüchtlingen zwei bis drei Stunden barfuß, bis sie von der türkischen Polizei aufgegriffen werden.

Beim sechsten Mal sind sie mit 50 Menschen in einem Boot, in dem normalerweise 30 Platz haben.

Der Fahrer fährt sehr schnell. Die Wellen lassen das Boot hochspringen und auf einmal, als das Boot von der Welle fällt, fällt der Motor aus. Die Platte unter dem Boot ist beim Sprung gebrochen und das Wasser beginnt im Boot zu steigen, bis zu den Knien. Die Angst steigt unter den Flüchtlingen, es wird zu Allah gebetet, geweint…. Es sind nur 20 Minuten, aber die Zeit scheint ewig. Ali schließt seine Augen und die Bilder seiner Familie steigen auf: seine Töchter, seine Frau, seine Eltern, seine Geschwister. „Ich sterbe“, denkt Ali „was essen meine Kinder jetzt?“ Dann sieht er ein Licht, ein Boot kommt auf sie zu. Zuerst werden Kinder und Babys gerettet. Aber viele der Männer haben solche Angst dass sie nach vorne drängeln. Ali und seine Kusine verlassen als letzte das Boot und steigen ins Rettungsboot.

Weitere Stationen: Insel Samos, Athen. Überfüllte Busse, Lager wie Gefängnisse, 18-stündiger Fußmarsch über die Grenze nach Mazedonien. Hier zeigt ihnen die Polizei, welchen Weg sie nach Serbien nehmen müssen. Ein paar Tage später mit dem Bus nach Ungarn. Die ungarische Polizei konfisziert Zigaretten und Feuerzeuge und nimmt Fingerabdrücke von allen Insassen, Ali weigert sich. Die Alternative ist, geschlagen zu werden und im Lager zu bleiben. Also entscheidet Ali sich doch für den Fingerabdruck und der Weg geht weiter. In ein Hotel, wo sie mehrmals in der Nacht geweckt werden und vor die Tür müssen, da angeblich die Polizei kommt. Und zu einem LKW Fahrer, der sie nach Deutschland bringen kann. 450 € pro Person kostet die Fahrt – 40 Menschen sitzen zusammen gepfercht im LKW, sie bekommen kaum Luft. Neun Stunden dauert die stickige Fahrt, der Weg führt über Österreich und Tschechien. Dann hält der Fahrer im Niemandsland an und alle Flüchtlinge werden rausgejagt.

Ali läuft mit sieben anderen Geflüchteten auf der Straße weiter, Richtung Dresden, glaubt er. Schon bald nimmt die Polizei sie mit. Wieder ein Bus, Heim, Boden, Zelt, erneut Fingerabdrücke hinterlassen. Im Juni 2015 kommt Ali in Bad Belzig an.

Ali glaubt, dass die ersten deutschen Menschen die er zu Gesicht bekam, ZEGG-Bewohner waren. Es waren 3 oder 4 Monate vergangen, seitdem er dort war und Deutsche kamen zum Camp. Damals kannte er sie nicht, doch jetzt glaubt er Barbara Stützel und Hagara Feinbier wiederzuerkennen, wenn er an den Moment zurück denkt.

Es kommt eine andere Gruppe Deutscher ins Heim, sie singen für die Geflüchteten. Später kommen sie wieder und laden ein – zu einer Gruppe namens „People meet People“.

Ali lernt Ami Schütte aus dem ZEGG kennen – und wird gefragt, ob er einmal in der ZEGG Küche beim Spülen oder Kochen helfen könnte. Ali kann – und verblüfft die durch seine Schnelligkeit und Gründlichkeit. Obwohl er sich noch nicht verbal verständigen kann, ist seine Mitarbeit vom ersten Moment an wertvoll.

Schon bald stellt das ZEGG ihn im Rahmen eines BFD an, im Anschluss daran mit einem Teilzeit-Arbeitsvertrag. 2018 erkrankt seine Frau an Krebs und die Familie zieht nach Euskirchen/ Köln, weil dort Verwandte seiner Frau wohnen. Doch dort geht es ihnen nicht besonders gut. Die Wohnung ist laut, es ist nicht einfach, Arbeit zu finden. Als sie nach einiger Zeit entscheiden, wieder nach Bad Belzig zurück zu kommen, freuen sich auch die Menschen im ZEGG.

Ali schätzt im ZEGG das große Herz der Bewohner, „sie sind freundlich, sie lachen viel, sind offen und hilfsbereit“. Der heute 41-jährige liebt seine Arbeit, die Verhältnisse sind für ihn sehr gut: freundliches Arbeitsklima, gegenseitige Unterstützung, Ferien und Wochenende. In der Pizzeria in Syrien hatte er 7 Tage die Woche von 7 Uhr morgens bis 2 Uhr nachts arbeiten müssen. Die deutsche Krankenversicherung konnte eine viel bessere Krebsbehandlung gewährleisten als es in Syrien möglich gewesen wäre.

Es ist für ihn nur etwas ungewohnt, ausschließlich vegan und vegetarisch zu kochen, aber das lernt Ali schnell, zumal er selbst auch zu Hause nicht viel Fleisch isst. Und auch die Menschen im ZEGG sind froh, ihn wieder anstellen zu können, denn sie bekommen einen äußerst engagierten und kompetenten Koch wieder.

 

 

 



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