Blumen und Blten 11Ein Umbruch ist da, schneller und umfassender als viele von uns sich dies ausgemalt hatten. Also – Wandel ist möglich. Dies ist eine gute Nachricht. Doch wo führt er hin? Es gibt bedrohliche und erfreuliche Meldungen und noch ist offen, wie unsere Gesellschaft die Krise nutzt. Unsere Frage ist: wie können wir dazu beitragen, dass dieser Umbruch zu einem Kultur- und Systemwandel beiträgt? Im Folgenden möchte ich dazu einige gesellschaftliche und individuelle Reaktionen auf die Krise benennen.

Solidarität als Notwendigkeit

Die Ausbreitung des Virus zeigt, dass wir global verbunden sind. Solidarität wandelt sich von der Kür zur Pflicht, denn wir können die Lage nicht nur für eine Bevölkerungsgruppe oder eine Nation lösen. Besonders deutlich wurde dies z.B. in São Paulo, wo Reichenviertel neben Slums existieren und schnell klar wurde, dass die Reichen sich nicht mehr durch Mauern schützen können. Sie können sich nur schützen, indem sie die anderen unterstützen. Denn vieles ist systemisch verbunden. Dies ist auch ohne Corona so, aber jetzt wird es offensichtlicher. Hier existiert die Hoffnung, dass das Bewusstsein darüber wirklich in die Praxis umgesetzt wird und länger anhält. Und auch wir uns als Deutsche unserer Privilegien und unserer daraus erwachsenden Verantwortung stärker bewusst werden (z.B. gegenüber Südeuropa, Afrika). Wie können wir uns für das Wohl des Ganzen einsetzen? Wo können wir unterstützen (-oder Einzelne bei Bedarf auch um Unterstützung bitten)?

Demokratie und Klima schützen

Es gibt Regierungen, die unter dem Deckmantel von Corona repressive Gesetze dauerhaft durchsetzen. Dies ist bei uns nicht der Fall, vorübergehende Einschränkungen sind als Ausnahmefall demokratisch legitimiert. Aber auch in Deutschland stellt sich die Frage: Wo sind die Grenzen dessen? Wie ist eigentlich unsere Demokratie aufgestellt? Wie viel Überwachung wollen wir im Namen der Gesundheit? Wie fruchtbar werden politische Debatten geführt? Die Politikmüdigkeit der letzten Jahre darf nicht in eine Demokratiemüdigkeit führen. Dazu braucht es eine lebendige Diskussionskultur.

Wir erleben derzeit eine handlungsfähige Regierung und ein Volk, das Anweisungen befolgt, weil es versteht, dass präventive Maßnahmen sinnvoll sind. Ein Großteil der Bevölkerung möchte dies auch für den Klimawandel, doch da schien es bisher nicht möglich. Jetzt gilt es daher, über Bürgerräte, Volksabstimmungen und ähnliche Instrumente deutlich zu machen, dass das Volk auch hier zu drastischen Veränderungen bereit ist, wenn es gilt, nicht nur heute viele Menschenleben zu retten, sondern für die Zukunft unserer Kinder zu sorgen.

Umbau der Wirtschaft

Die Krise zeigt, dass es unserer Regierung möglich ist, Entscheidungen zum Wohle der Menschen auch jenseits von Wirtschaftslogik zu treffen. Warum nicht gleich damit weitermachen?

  • Förderungen nur an Unternehmen vergeben, die Gemeinwohlkriterien einhalten und ökologisch nachhaltig wirtschaften.
  • Bereiche der Daseinsvorsorge entprivatisieren und überlebensnotwendige Dienstleistungen besser bezahlen.
  • Wissenschaft wieder unabhängig von wirtschaftlichen Interessen finanzieren und nicht nur im Gesundheitswesen sondern auch in ökologischen Fragen als Leitlinie etablieren
  • Ökologische Folgekosten in Preise einbeziehen, dadurch werden auch Produktionsketten entglobalisiert und unnötige Transporte für Waren und Flüge für Menschen reduziert.
  • Statt Milliardenzuschüsse ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle einführen
  • Schuldenerlass für die ärmeren Länder
  • Hedge Fonds verbieten, Einführung einer Finanztransaktionssteuer

Die Liste könnte weitergeführt werden und es liegt an jedem Einzelnen, sich an bestimmten Hebelpunkten gerade jetzt wach für eine solidarische nachhaltige Gesellschaft einzusetzen. Und neben ordnungspolitischen Forderungen kann sich jeder auch in seiner Region dafür engagieren – Lebensmittel regional beziehen, sich für eine biologische Landwirtschaft einsetzen etc.

Aber gesellschaftlich werden systemverändernde Entscheidungen dauerhaft nur dann getroffen werden können, wenn sich tatsächlich ein tiefgreifender Wertewandel durchsetzt.

Wertewandel im Inneren

Und hier zeigt sich, wo wir gerade alle auch „handeln“ können. In dieser Zeit, in der „die Welt anhält“ können wir uns auf unsere Werte und das Wesentliche besinnen.

Bin ich gerade Opfer der Umstände oder schaffe ich es, diese Krise als Chance zu gestalten?

Dies zeigt sich an meinem Alltag in der Krise. Opferverhalten zeigt sich, wenn Sucht- und Fluchtstrategien überwiegen. Ich kann die Zeit aber auch für ein bewusstes Retreat nutzen oder andere unterstützen.

Die Auszeit kann dienen, mir bewusst zu werden, welche Rolle ich in der Zeit des Wandels spielen möchte. Wohin gebe ich meine Aufmerksamkeit (welche Medien? Gedanken?), wohin meine Energie? Verbringe ich meine Arbeits- und Lebenszeit mit dem, wofür ich mich wirklich einsetzen möchte?

Oft wissen wir zwar, dass wir etwas anderes wollen als das was wir tun, aber die Angst hindert uns. In dieser Zeit der großen Unsicherheit kann ich einen neuen Umgang mit Angst üben. Wenn ich meine Energie und meine Aufmerksamkeit bewusst einsetze, muss ich mich nicht von ihr überwältigen lassen, sondern kann diese Zeit nutzen, sie als Schatten kennen zu lernen, der ans Licht kommen will. Dadurch wird Energie frei, die ich als Motor für kreatives präventives Handeln nutzen kann. Corona Zeiten als Resilienztraining für die Zukunft.

Dies braucht, dass ich gut genährt bin. Ich kann meine Energie steigern, indem ich meine Quellen pflege. Das können Zeiten mit Freunden sein, Meditation, Kunst, Natur, Freude an Tätigkeiten wie kochen, gärtnern… wenn ich Gestalterin meines Lebens bin, kann ich selbst verantwortlich dafür sorgen, dass es mir gut geht.

Gemeinschaft als Transformationsweg

In all diesen Bereichen Bewusstsein zu entwickeln ist ein Schritt, es in Verhalten umzusetzen ein anderer. Individuell diesen inneren und äußeren „Umbau“ zu vollziehen ist nicht einfach. Und – wir müssen dies nicht alleine tun. Neben dem Aufbau ökologisch nachhaltigerer und ökonomisch solidarischerer Strukturen ist für uns im ZEGG Gemeinschaft schon immer ein Weg zur inneren Transformation: wir unterstützen uns gegenseitig darin, immer mehr Gestalter*in unseres Lebens zu werden. Wir richten uns gemeinsam auf Werte aus. Wir helfen uns, sie im Alltag zu praktizieren, in dem wir uns Feedback geben. Wir unterstützen uns in Wachstum und Heilung, wo wir dies brauchen. So tragen wir zum Kulturwandel bei. Und wir geben das so erworbene praktische Wissen weiter. Dazu gehört auch die Praxis von Berührung, Nähe, Zusammenkommen – Dinge, die in denen wir in Corona Zeiten gerade „fasten“. Doch auch sie sind Nahrung für die Seele – und daher kommt es in dieser Zeit darauf an, die Sehnsucht danach in uns lebendig zu erhalten, damit wir dafür sorgen, dass der physische Nichtkontakt nicht neue Normalität wird.

Denn die Welt braucht Menschen, die Liebe nicht nur wollen, sondern sie in ihrem Umfeld praktizieren. Für uns und alle Wesen.

Barbara Stützel (ZEGG)

 



ZEGG – Bildungszentrum gGmbH

Rosa-Luxemburg-Str. 89
14806 Bad Belzig

Telefon: +49 (0) 33841 595-100
Telefax: +49 (0) 33841 595-102

E-Mail:
Web:


Im ZEGG leben 100 Menschen gemeinschaftlich zusammen. Wir sind Modellprojekt für ein sozial und ökologisch innovatives Leben und Wirtschaften. Dabei interessiert uns, wie nachhaltige Entwicklung funktioniert - für jede/n Einzelne/n und für die Gesellschaft als Ganzes. Wir legen Augenmerk auf die sozialen, spirituellen, ökonomischen und ökologischen Aspekte dessen, was wir tun.

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.