ukraine ZusammenhaltMenschen aus dem ZEGG engagieren sich ehrenamtlich oder auch beruflich für geflüchtete Menschen in Bad Belzig und der Region. Konkret im ZEGG gibt es die Fahrradwerkstatt für Geflüchtete von Jack Schrecker und die GEKKOS (unsere Geflüchtetenkoordination), die Hilfsanfragen und -angebote zusammenbringen. Auf diesem Weg kamen auch Taiwo und Hezekiah aus der Ukraine zu uns und bekommen demnächst ihr erstes Kind hier im ZEGG.

„It feels safe here“, erzählt Taiwo (27) aus Nigeria: „Es fühlt sich hier sicher an“. In wenigen Tagen erwartet sie ihr erstes Kind und lebt seit fast zwei Monaten mit ihrem Partner Hezekiah hier im ZEGG. Eine lange Reise und Flucht liegt hinter ihr.

Im Dezember 2021 waren sie von Lagos nach Charkiw in der Ukraine gezogen, um dort Wirtschaft zu studieren. In Nigeria hatte sie bereits Projektmanagement studiert, ihr Mann Computerdesign. Sie wollten sich in der Ukraine für die nächsten Jahre niederlassen und hatten all ihr Hab und Gut aus Nigeria mitgebracht.

Wenig später begann der Krieg und mitten im Winter fiel der Strom aus. Das bedeutete - kein Essen, keine Heizung. Sie mussten ihre Wohnung verlassen. Sie schliefen in U-Bahnstationen auf dem nackten Boden und Taiwo litt vor allem unter der großen Kälte. Zu Beginn dachten sie, dass der Spuk nach zwei bis drei Wochen vorüber sei, doch es wurde nicht besser. Am Ende flüchteten sie Hals über Kopf und nur mit ihren Reisedokumenten und Kleidern am Leib. All ihr Hab und Gut wie Kleidung, Erinnerungsstücke, Laptop blieben in der Wohnung zurück und sie wissen bis heute nicht, ob das Haus noch steht: „We left everything there“ (Wir ließen alles dort).

Gemeinsam mit Freunden schlagen sie sich zur ungarischen Grenze durch, 24 Stunden in einem überfüllten Zug ohne Platz und ohne Essen. In Ungarn erhält sie erstmals wieder medizinische Hilfe, um zu schauen, ob mit dem Baby alles in Ordnung ist. Von dort aus kommen sie mit dem Zug nach Berlin, wo sie glücklicherweise schnelle Hilfe von einer NGO bekommen. Diese vermittelt sie an ein linksalternatives Projekt in Brandenburg, die Alte Mühle Gömnigk. Doch auch dort gibt es nicht genug Platz und Taiwo lebt hochschwanger zusammen mit vier Männern in einem kleinen Zimmer.

Dort begegnet sie Menschen aus dem ZEGG, wo sich schon eine Geflüchtetenkoordination (GEKKO) gebildet hatte, die seit Beginn des Krieges eine Unterkunft vorbereiteten. Unser ältestes Gemeinschaftsmitglied Ursel war gerade mit 92 Jahren in eine betreute WG gezogen und eine Einliegerwohnung mit eigenem Garten frei geworden.

 

So können Taiwo und Hezekiah unkompliziert im ZEGG einziehen: „It feels like home here, everybody welcomed us and helped us“, erzählt sie Wochen später. Sie bekommen neben den GEKKOS persönliche Pat*innen (Gemeinschaftsmitglieder, die ansprechbar und für sie da sind). Besonders berührt hat sie, dass immer wieder Menschen Zeit hatten, um sie zu Behörden oder ins Krankenhaus zu begleiten. Denn eine große Unterstützung ist das Übersetzen. Da die beiden nicht geplant hatten, nach Deutschland zu ziehen, lernen sie erst jetzt Deutsch. Und scheitern in Bad Belzig immer mal wieder an der fehlenden Bereitschaft der Menschen, Englisch mit ihnen zu sprechen. Dann ist eine Begleitung aus dem ZEGG gut und sie konnten mittlerweile krankenversichert werden, eine Hebamme finden, die Geburtsvorbereitung organisieren und Gelder beantragen.

Langsam kommen sie zur Ruhe und können sich nun auf die baldige Geburt ihres Babys konzentrieren: „At the moment, we need a quiet place. To get our heads back. And our lives – to restart our lives“ (Im Moment brauchen wir einen ruhigen Platz, um unsere Köpfe zu beruhigen und unser Leben zurück zu bekommen – unser Leben neu zu beginnen). Hier klingt die erlebte Ohnmacht und Traumatisierung durch, der Kontrollverlust, der hier langsam wieder heilen kann.

„To get our lives back“, was dies wohl genau heißt? Der Wunsch ist da, das eigene Leben wieder gestalten zu können. In Deutschland zu bleiben und eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, mit der sie arbeiten können und vielleicht doch noch studieren. Sie können sich viele Tätigkeiten vorstellen, wollen sich selbst finanzieren und wünschen sich einen „start over“ für ihr Leben, einen Neubeginn. Ob der dann langfristig im Ökodorf ist oder doch eher in der Großstadt, das wird sich zeigen. Im Moment sind sie froh über den Frieden, den sie hier finden und den ihr Kind braucht, um gut auf diese Welt zu kommen.

 Von Alicia Dieminger



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