Wasserstand

von Barbara Stützel und Cordula Andrä

Wir wissen so viel über Kommunikation - und Wissen alleine reicht nicht aus. Dies haben wir in den letzten beiden Jahren gemerkt, als auch bei uns im ZEGG die Konflikte eskalierten. Wo wir vorher breite Gemeinsamkeiten unter uns wahrgenommen haben, wurde uns durch die Pandemie bewusst, dass dieselben Werte und Worte verschieden interpretiert und zu völlig unterschiedlichem Verhalten führen können. Ist man solidarisch, wenn man sich impfen lässt oder es nicht tut? Wenn man sich isoliert, um andere zu schützen oder gerade jetzt näher zusammen rückt, um die Gemeinschaft zu stärken? In unserem speziellen Fall kam die Frage dazu, wie wir Gemeinschaft leben wollen:  Im funktionierendem Alltag? In geteilter Innenarbeit? Wann geht es darum, an meinen eigenen Schatten zu arbeiten und wo braucht es Veränderungen in unseren Strukturen? Über all diese Themen hatten wir Meinungsverschiedenheiten, es kam zu Polarisierung, Ausgrenzung und Aggression ... alles dabei.

Im Januar haben wir dann gemeinsam festgestellt, dass wir so nicht weiter machen wollen. Wir haben uns auf eine Art „Waffenruhe“ verständigt, um Raum zum Abstandgewinnen, zum Fühlen und zur Eigenarbeit zu schaffen.

Und jetzt? Wir sind noch nicht wieder im Frieden angekommen. Derzeit sprechen wir nicht über die Inhalte des Konfliktes. Viele von uns sind angeschlagen und es gibt ein schnelles aufeinander Reagieren. Deshalb gehen wir in diesem Artikel nicht auf inhaltliche Positionen ein oder versuchen uns in einer Gesamtbewertung, sondern lassen euch teilhaben am Stand der Dinge. Und damit ihr auch jenseits „unseres“ Konfliktes etwas davon habt, unten auch einige Erfahrungen zur Deeskalation, die wir uns gerade (meistens) zu Herzen nehmen.

Zur Vollständigkeit: Es gibt auch viel Traurigkeit unter uns. Wir trauern über Freundschaften, die zerbrochen sind und darüber, dass manche Wege nicht zusammen weitergehen. Drei Menschen haben sich aufgrund der Situation entschieden, auszuziehen. Diese Zeit ist für uns eine Lektion in Demut. Und – wir sind noch lange nicht fertig. Wir haben weiterhin vor, den Konflikt tiefer aufzuarbeiten.

Gleichzeitig ist das ZEGG gerade sehr lebendig, wir haben gemeinschaftlich ein gelungenes Pfingstfestival kreiert und bereiten in diesen Tagen mit viel Freude das Sommercamp vor.

Hier nun - wie versprochen -  was wir (wieder) gelernt haben:

  • Kontroverse Themen nicht per Email austragen. In schriftlicher schneller Kommunikation rutschen einem oft Formulierungen raus, die aus emotionaler Aktivierung kommen und dann Menschen triggern. Wenn etwas schriftlich sein muss – unbedingt von neutralen Menschen gegenchecken lassen!
  • Wenn ich selber emotional betroffen bin, achte ich darauf, mit wem ich was teile. Wenn ich unbewusst „entlade“, führt das leicht dazu, dass andere auf meine Emotionen aufspringen und Dinge sich aufschaukeln. Sinnvoller sind Räume für bewusste emotionale Entladungen und Menschen, die beim Zuhören die Ladung vom Konfliktthema trennen können.
  • Genauso umgekehrt: wenn ich etwas über jemand höre, überprüfe ich das Gehörte mit der Person selber, denn vermutlich sind die Fakten durch die Emotionen der sprechenden Person gefiltert. Wir hören leichter, was wir eh schon glauben. Dazu kommt noch:
  • Wenn das Nervensystem hochfährt, können Informationen nicht mehr adäquat verarbeitet werden. Z.B. kann man in der Mimik nicht mehr erkennen, ob die andere freundlich gesinnt ist. Jede*r andere wird zum potenziellen Feind. Und dann ist eine Verständigung nicht möglich, bevor Entspannung eintritt.
  • Wenn ein Gespräch nur genutzt wird, um eine Meinung zum wiederholten Male mitzuteilen, braucht man nicht weiter zu reden. Zuhören ist eine notwendige Qualität, um den anderen zu verstehen. Es hilft, wenn beide wissen, dass „den anderen verstehen“ noch nicht heißt „einverstanden zu sein“.


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Im ZEGG leben 100 Menschen gemeinschaftlich zusammen. Wir sind Modellprojekt für ein sozial und ökologisch innovatives Leben und Wirtschaften. Dabei interessiert uns, wie nachhaltige Entwicklung funktioniert - für jede/n Einzelne/n und für die Gesellschaft als Ganzes. Wir legen Augenmerk auf die sozialen, spirituellen, ökonomischen und ökologischen Aspekte dessen, was wir tun.

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