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MoveMiteinander Offen Vertrauensvoll Emanzipatorisch – unter diesem Motto waren viele Bewegungen eingeladen, sich an 5 Tagen utopischem Lebens zu beteiligen. Auf der Suche nach einer anderen Gesellschaft besuchten ca. 1000 Menschen vom 21.-25.6. im Kulturkosmos an der Müritz ein Festival, um gemeinsam an Grundlagen einer anderen Welt zu forschen. Das ZEGG initiierte dort ein Gemeinschaftszelt und bot Workshops zu Forum, Gemeinschaftsleben und freier Liebe an, an denen insgesamt ca. 200 Menschen teilnahmen. Für uns im Gegenzug besonders spannend: das ganze Festival war tauschlogikfrei organisiert, jeder trug nach Fähigkeiten und Bedürfnissen dazu bei. Wie das Ganze mit Selbstorganisation und Schenkökonomie funktionierte wird sicher noch zu einigen Gesprächen hier führen….

Simon Schramm war mit einer Gruppe aus dem ZEGG auf dem Festival - hier sein Bericht:

Die Utopie ist am Horizont.
Ich nähere mich ihr um zwei Schritte und sie entfernt sich um zwei Schritte.
Ich lege zehn Schritte zurück, und der Horizont verlegt sich um zehn Schritte.
Aber wie lange ich auch gehe, ich erreiche sie nie.
Wofür ist sie also da, die Utopie?
Dafür ist sie da: Um zu gehen!”
(Eduardo Galeano)

Über 1000 Menschen, kein professionelles Team, eine notdürftig improvisierte Infrastruktur, ein Outdoor-Mitmach Camp mit Chaos-Stellwänden voller Listen und Zettel, um sich ein zu tragen, dazu immer wieder starker und stürmischer Regen – das hört sich erst mal an wie eine strapaziöse Durchhaltetour für die wenigen ganz Harten unter uns, die auch heute noch die Zähne für eine Utopie zusammen beissen und die im Dienste einer guten Sache Opfer zu bringen bereit sind. Umso schöner, dass über dem Fusion Gelände, auf dem dieses Jahr erstmalig das Move Utopia statt fand, ein Hauch von Leichtigkeit, Inspiration und kritischem Geist wehte, die dem Namen des 5-Tage Festivals alle Ehre machten. Eine Utopie sei dafür da, damit wir anfangen zu gehen, eröffnete Tobi, einer der Initiatoren, mit dem obigen Gedicht das Festival.

Und genau so fühlte es sich an: Wir gehen gemeinsam los, begleiten uns auf einem Weg, dessen Endziel wir nicht kennen, aber dessen viele nächsten kleinen Schritte wir gemeinsam ausprobieren und erforschen können. Wie wenn wir uns in einen unbekannten Raum voller noch nicht gelebter Möglichkeiten hinein strecken und ausdehnen, und uns im gegenseitigen Austausch eine Ahnung vermitteln vom Geschmack einer schöneren Welt, die unser Herz schon kennt. Es ist, als ob wir uns an einem Weinglas nippen lassen, gefüllt mit einer friedlicheren Zukunft. Einer Welt, in der wir jenseits von Kapitalismus und Tauschlogik leben; in der jeder aus tiefstem eigenen Impuls gibt, was sein Geschenk an die Welt ist. Und in der unabhängig davon jeder bekommt, was er oder sie für eine erfülltes Leben braucht.

Es wäre z.B. ein Dasein, das nicht mehr nach Verwertungslogik und Marktmechanismen organisiert ist. Das dem linearen Denken von Problem und Lösung entwachsen ist und statt dessen erkennt, dass wir auf die komplexen Themen unserer heutigen Zeit (wie z.B. dem Klimawechsel oder der Migrationsfrage) keine fertigen Lösungen mehr finden. Uns wäre klar, dass alle Versuche, mit Welt umzugehen, nur Teil eines Prozesses sein können, der nie abgeschlossen ist und der auch ganz andere, von uns noch gar nicht denkbare Wendungen nehmen kann.

Das Paradies von Move Utopia würde frei von Patriarchat und Herrschaftsverhältnissen sein. Keine Minderheiten wären mehr unterdrückt, und die normative Zweigeschlechtlichkeit wäre einem Fluidum von Geschlechtern und Identitäten gewichen, in der niemand mehr darum kämpfen müsste, gehört zu werden, ganz einfach weil es keine Schubladen mehr gäbe, in die wir gesteckt werden würden. Und die Menschen lebten wieder mehr in Gemeinschaften.

Folgerichtig gab es größtenteils von den TeilGebern im Openspace Format selbst durchgeführte Workshops mit Titeln wie z.B. „Kritik der Tauschgesellschaft und (tausch) befreite Utopie“, „Transformation des gesellschaftlichen Reichtums“, „Kritische Männlichkeit“, „das Klima verändern – was können wir tun?“, Was ist Entfremdung im Kapitalismus und wie können wir sie überwinden?“, Herrschaftsverhältnisse in unseren Bewegungen“, „Theater der Unterdrückten“, „Befreiung von Geld“, oder „Dialog als Machtkritik: was Rassismus mit uns zu tun hat.“

Und dann gab es natürlich auch noch die anderen Seiten, die uns dann wieder ganz klar zeigen, woher wir alle kommen und mit welchen Prägungen wir alle auf dieser Erde herumlaufen; die Listen mit den Koch- und Einsatzschichten füllten sich eben nicht so richtig, auch wenn wir auf dem Gelände über 1000 Menschen waren.
Das Festival hatte am Ende Geldnot und Schulden, weil in einer nicht tauschlogikfreien Welt wie der unseren eben noch nicht alles ohne Geld zu haben ist...
Das Team war ausgebrannt, weil es den größten Teil der Verantwortung dann doch zu großen Teilen auf den eigenen 20 Schultern trug.
Und ein junger Mann, der am letzten Tag vor lauter Lebenslust nackt im Regen tanzte, wurde zurückgepfiffen und schnell in seine Kleider gestopft, weil er mit seiner Nacktheit andere Menschen, die das Privileg des sich Nackt-zeigen-könnens nicht haben, diskriminieren würde...

Und dennoch: Trotz allem Menscheln und allen Gremlinspielen schien immer das Lichte, Große, Mögliche und Erhabene durch, das diesen Ort mit diesen Menschen und diesen Ideen verband und ein Stück Zukunft erahnbar machte, auf das wir uns freuen können.

Für mich aus dem ZEGG war es übrigens spannend, dass wir uns als Gruppe von ca. 10 Zeggies mitten im Geschehen wiederfanden. Wir hatten etliche Workshops und Angebote mit eingebracht, die z.T. extrem gut ankamen; Die Menschen strömten nur so in unsere Workshops z.B. zur Freien Liebe oder zum Leben in Gemeinschaft. Und das freut mich ganz besonders, weil wir als ZEGG vor 20 Jahren bei so einem Event der überwiegend links-alternativen Bewegung wahrscheinlich gar nicht mitmachen hätten dürfen oder wieder ausgeladen worden wären. Und mit unseren Qualitäten wie Gemeinschaftsaufbau, Liebesforschung und Gefühlearbeit ein solch willkommener Teil dieses Hoffnungs machenden Puzzles zu sein und einen wichtigen Beitrag zum großen Ganzen zu leisten, hat mich mit tiefer Freude und Demut erfüllt.

Insofern: ja, times they are changing. Und - man merkt, dass das ZEGG doch schon einige Schritte Richtung Utopie gegangen ist und weiter geht... Euer Festivalforscher Simon



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Im ZEGG leben 100 Menschen gemeinschaftlich zusammen. Wir sind Modellprojekt für ein sozial und ökologisch innovatives Leben und Wirtschaften. Dabei interessiert uns, wie nachhaltige Entwicklung funktioniert - für jede/n Einzelne/n und für die Gesellschaft als Ganzes. Wir legen Augenmerk auf die sozialen, spirituellen, ökonomischen und ökologischen Aspekte dessen, was wir tun.