Ostern

Im Kirchenjahr ist es die ´Nacht der Nächte', mit der die Fastenzeit beendet und die Auferstehung Jesu gefeiert wird: Die Nacht zwischen Ostersamstag und Ostersonntag. Es gibt mannigfaltige Bräuche dazu. Im ZEGG wird diese Nacht trancehaft durchgetanzt. Seit vielen Jahren schon gibt es diese Tradition, Oster-Trance-Retreat – Dancing for Compassion hieß das Format, zu dem wir dieses Jahr eingeladen hatten.

Tanzen für ein Mehr an Mitgefühl und Freude in der Welt. Unsere Gestaltung ist eher schamanistischen Traditionen entlehnt, hat mit dem christlichen Gehalt der Osternacht vordergründig wenig zu tun – und es ist doch eine tiefe, feierliche und spirituelle Erfahrung, der Transformation und dem Neubeginn gewidmet.

Rund einhundertzwanzig Menschen sind in der Aula des ZEGG versammelt, als das Ritual um 22 Uhr beginnt. Es stellt ein einfaches und klares Setting zur Verfügung, in dem die Tanzenden für ihre jeweils persönliche Absicht tanzen. In Bewegung bringen, was Dich innerlich bewegt!

In der Einladung war der Wunsch ausgedrückt, in weißer Kleidung zu kommen, und die allermeisten sind diesem Wunsch gefolgt. „Sieht irgendwie sektenhaft aus“, hörte ich beim Betrachten von Fotos vergangener Jahre. Kann ich nicht bestätigen: Ich finde die vielen weiß gekleideten Menschen einfach feierlich und schön. Ein paar Schwarzlicht-Lampen geben dem Ganzen ein geradezu magisches Flair. Ein paar Menschen tragen gelbe Schärpen über der weißen Kleidung. Das sind die ‚Angel‘ – Menschen vom Staff, die die Aufgabe haben, für Sicherheit zu sorgen und zu unterstützen, wenn es nötig sein sollte.

Das Vorhaben ist: Es wird getanzt, bis die Sonne aufgeht.

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Nanigo

Nanigo ist ein Trommel- und Percussionensemble, das seit mehr als 20 Jahren die Musikszene des Hohen Fläming bereichert. Elf Menschen sitzen oder stehen dieses Mal auf der Bühne. Gründer und Leiter ist Thomas Ritthoff, er sitzt in der Mitte und hat eine große Auswahl an Percussions Instrumenten vor sich aufgebaut. Die anderen Bandmitglieder spielen Djembe, Djonga, Bass- oder Rahmentrommel und bei einzelnen Stücken diversere andere Kleinpercussion; auch Geige und Maultrommel gehören dazu.

Nanigo verbindet Rhythmen und Instrumente traditioneller Trommelkulturen mit Jazz-, Ambient-, und Minimalmusic und nimmt dich mit in eine faszinierende Welt von Rhythmus, Trommel und Klang.

Diese Gruppe wird für die nächsten fünf Stunden den Saal zum Tanzen, um nicht zu sagen: zum Kochen bringen.

Erste Welle: Die Elemente

Der Raum ist weitgehend schmucklos – nur an den vier Wänden gibt es große runde Symbole für die Elemente, die den Himmelsrichtungen zugeordnet sind. Der Süden steht für das Wasser, für das Fließen der Gefühle. Der Westen für die Erde: Materie, Struktur. Der Norden für die Luft: Geist, Weisheit, Klarheit. Und im Osten das Feuer: Vision, Spirit.

Die ‚erste Welle‘ ist den genannten Elenenten gewidmet, zu denen als fünftes noch die Zentrumskraft: ‚Die Leere‘ dazukommt. Alle richten sich in die jeweilige Himmelsrichtung aus, und eine Sprecherin ruft die jeweils zugeordneten Kräfte und Qualitäten herein, bittet um deren Präsenz und um Schutz und Segen. Anschließend – für jede Richtung extra – hat die Band ihren Einsatz, und das große musikalische Spektrum dieser Rhythmusgruppe, von zart bis hart, von ruhig bis ekstatisch, wird fühl- und hörbar.

Kleine Pause – vor der Tür gibt es Wasser zu trinken (nichts anderes wird angeboten). Mensch kann wählen aus verschiedenen Krügen, die mit zentralen Qualitäten der Himmelsrichtungen beschriftet sind und auf diese Weise bekräftigen, welche Qualität der Tanz dieser Nacht besonders hervorlocken soll – auch wenn das Wasser in allen Krügen vermutlich das Gleiche ist.

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Zweite Welle: Batucada

Batucada. Der Name kommt aus dem Kontext des brasilianischen Samba. Laut und schnell sei die Musik, erfährt man im Internet. Im Kontext der Oster Trancenacht im ZEGG: Alle Teilnehmenden teilen sich auf in Gruppen mit jeweils neun Menschen (so gut es aufgeht). Jede Gruppe bildet einen Kreis; andere Gruppen stehen dicht daneben – es wird eng. Die Trommler legen los. Jeweils eine Person geht in die Mitte ihres Kreises – und tanzt, was das Zeug hält. Gibt alles. Transformiert, was möglich ist. Die Gruppe unterstützt, feuert an, schützt. Jede Einheit dauert knapp zehn Minuten, nach denen die Tanzenden in der Regel atemlos und schweißüberströmt Gelegenheit haben, sich auf dem Fußboden in der Mitte des Kreises kurz auszuruhen. Bis die nächsten dran sind. Am Schluss bekommen auch noch die Angels und andere vom Staff die Möglichkeit, in der Mitte einer Gruppe zu tanzen. Zehn Minuten sind länger als mensch denkt. Am Anfang – so geht es mir selbst und so empfinde ich es auch bei anderen – scheint noch ein gewisses Bemühen da zu sein, ‚bella figura‘ zu machen, so unter den Augen der Mittanzenden. Nach ein paar Minuten hört das auf – es ist zu anstrengend. Nur noch Fließen, Bewegung, Rhythmus. Die TrommlerInnen heizen richtig ein. Und am Ende jeder Sequenz: Befreite, glückliche Gesichter.

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Dritte Welle: Die Trommler geben alles!

Nach kurzer Pause geht es weiter. Nanigo trommelt schon seit gut drei Stunden, doch den Spielern ist keinerlei Erschöpfung anzumerken. Im Gegenteil: In der dritten Welle zeigen sie nochmal so richtig, was sie alles draufhaben. Die Musik wird vielfältiger, sparsam kommen auch weitere Instrumente dazu: Eine Geige bekommt manchmal einen fast solistischen Part, und Thomas entlockt einem flachen Metallkasten, den er mit den Trommelstäben bearbeitet, sphärisch anmutende Klänge – irgendeine Elektronik macht es möglich. Alle tanzen, wie und wo es gerade passt und stimmig ist. Manche haben auch genug und gehen, auch raumgreifendes Tanzen wird so möglich. Gegen Ende dieser Sequenz betritt auch Phillip, der DJ für den letzten Teil, die Bühne und richtet sich hinter dem Mischpult ein. Es folgt eine faszinierende Phase des Übergangs: Fast unmerklich zunächst mischen sich unter die Trommelklänge auch Laute, von denen man nach einer Weile ahnt, dass sie nicht hier im Raum erzeugt werden, sondern von Phillip beigesteuert werden. Das macht das Ganze noch komplexer und vielfältiger. Und irgendwann steigert sich die Musik von Nanigo zu einem Finale Furioso – und nach gut fünf Stunden fast ununterbrochenen Spielens verbeugen sich die Musikerinnen und Musiker unter frenetischem Beifall und verlassen die Bühne. Um dann unten auf der Tanzfläche ein Dankesritual zu inszenieren, bei dem mit tiefen Verbeugungen all den vielen vorder- oder hintergründig Mitwirkenden gedankt wird. Die Gesichter wirken erschöpft und glücklich.

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Vierte Welle: Trance Musik von DJ Lux Arkana (Phillip Jürgensen)

Und weiter geht es. Es muss gegen vier Uhr morgens sein, der Saal lichtet sich, es gibt viel Platz. Doch einige sind offenbar fest entschlossen, durchzuhalten bis zum Morgen. Kraftvolle und zugleich ruhige Musik, gut tanzbar. Keine Disko-Hits – keines der jetzt gespielten Musikstücke ist mir bekannt. Man merkt: Der DJ ist Profi! Und zugleich sehr einfühlsam, was die Stimmung im Raum angeht. Sehr angenehm für mein Empfinden: wenn ein Stück zu Ende ist, geht es nicht übergangslos in das nächste über, wie es in der Disko oft üblich ist; es gibt eine minimale Besinnungspause zwischen den Stücken.

Erschöpfungssymptome zeigen sich. Soll ich wirklich bis zum Ende bleiben, so wie ich mir es vorgenommen hatte? Ich gehe für eine Weile aus dem Raum, ruhe mich auf einer der im Vorraum bereitliegenden Matratzen aus. Als ich wiederkehre, erlebe ich das, was unter Sportlern ‚der zweite Wind‘ heißt: Die Müdigkeit ist wie weggeblasen! Ich fahre mich richtig aus, tanze kraftvoll und bewegungsintensiv. Der Körper folgt der Musik, ohne dass Gedanken dazwischenfunken, und es gibt genug Platz, um mich frei durch den Raum bewegen zu können. Bis auch diese Energiewelle wieder abebbt.

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Irgendwann öffne ich den Fenstervorhang einen Spalt und luge hinaus: Das erste Morgenrot ist zu sehen. Der Anblick ist wunderschön! Doch sofort kommt jemand aus dem Team bei mir und sagt, dass das gegen die Regeln verstoße: Die Menschen vom Staff bestimmen, wann die Vorhänge geöffnet werden! OK. Ein bisschen trotzig gehe ich raus, fotografiere diese wunderbare frühe Morgendämmerung und kehre danach zurück. Und nach einer Weile ist es dann so weit: Die Musik verstummt, für einen Moment ist Ruhe, dann wird die Tür nach draußen und die Vorhänge geöffnet und das schon heller gewordene Morgenrot scheint durch die Fenster herein. Decken werden zur Verfügung gestellt – wer will, geht raus und genießt die frische, kühle Luft. Schweigend und erfüllt werden wir dankbar Zeuge, wie sich dieser Ostersonntagmorgen entfaltet.

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