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Wie schauen wir als Gesellschaft auf Sexualität? Sigmund Freud hat 1931 eine Schrift speziell zur weiblichen Lust veröffentlicht. Dort wird weibliche Sexualentwicklung als ein Wandel von der Mutter- zur Vaterbindung, von klitoraler zu vaginaler Lust, beschrieben. Seine Forschung und seine Theorien prägten das moderne Verständnis von Sexualität und Psyche.

sigmund freud wikimedia

Abbildung 1: Sigmund Freud

In meiner persönlichen Forschung geht es um Frieden, Begegnung und Intimität. Mich beschäftigt die Frage, wie wir der Sexualität ihre Intimität zurückgeben können. Meine These dazu ist:

Die Art wie eine Gesellschaft mit Sexualität umgeht, ist ein Spiegel ihrer Verortung im Lebendigen, ist ein Ausdruck ihrer Verbundenheit mit den Rhythmen der Schöpfung.

Das Wort Gesellschaft kann ich auch mit Individuum ersetzen, auf beiden Ebenen geht es für mich dabei um die Fähigkeit zur Intimität. Ein paar Worte, die mir dazu einfallen:

Lust, Freude, Bindung, Sehnsucht, Verklärung, Performance, Vortäuschung, Scham, Schuld, Abwertung, Heimlichkeit, Verstummung, Sucht, häusliche Gewalt, Inzest, Darknet, Epstein, organisierte Gewalt, Gesetze und Privilegien diese zu umgehen, Schweigen, Aufruhr, Betroffenheit

In der Vorbereitungszeit unseres diesjährigen Pfingstfestivals „Lieben Eros Wirklichkeiten“ kam Andreas Duda auf mich zu und fragte, ob ich mit ihm eine Gruppe zum Thema „Befreiung der Weiblichen Lust“ leiten möchte. Andreas formulierte folgende These: „Frauen tragen ein tiefes sexuelles Wissen in sich – in Zyklus, Rhythmus und Körper. Wenn sie von dort aus führen und einladen, kehrt eine ursprüngliche Ordnung zurück.“ Das klang interessant, also sagte ich zu. Während des Camps haben wir zusammen mit seiner Partnerin Silvia Nawa Mare und 18 Teilnehmenden das Thema beleuchtet und erkundet.

Die Erfahrungen, die wir zusammen mit der Gruppe gemacht haben, verdichtete sich erst allmählich. Es gibt nicht die weibliche Lust, nicht das weibliche Tempo. Und doch gibt es in diesem Spektrum der Lust ganz ähnliche Schlüsse und Zutaten: das selbstbestimmte Tempo, Auftauchen, über die eigene Lust bestimmen (dürfen). Für die eine braucht es die Langsamkeit, um überhaupt auftauchen zu können und die Bedürfnisse, den Rhythmus zu erspüren – für eine andere ist der Fokus auf dem Erlaubnisraum wesentlicher: „Ich durfte endlich so groß sein, wie ich bin“ begleitet von dem schmerzlichen Gewahrsein der alltäglichen Anpassungsleistung, sich kleiner zu machen, sich „zusammenzufalten“. Einige dieser Sätze und Eindrücke hallen noch in mir nach. Da sagte jemand „Ich habe erkannt dass Hingabe nicht bedeuten muss, dass ich meine Macht abgebe. Wenn ich meine Lust nicht mehr verlasse...“ Oder das Zeugnis eines Mannes, der realisiert hat, in seinen sexuellen Erlebnissen nie über den Körper hinausgeschaut zu haben – die Frau dahinter eigentlich nie gesehen hat. Der Moment, der daraus entstand, war so berührend, dass ich mich tief beschenkt fühle. Es war das erste Mal, dass ich erlebt habe, wie ein Gruppenkörper weint und eine kollektive Traurigkeit fühlt. Darin lag keinen Vorwurf, keine Anklage patriarchaler Strukturen – es war ein authentisches Betrauern des Sich-Verpassens in einer sexuellen Begegnung, die doch gefühlt so intim ist.

Das hat mir Hoffnung geschenkt, dass, wenn wir uns tief genug durch diese trennenden Schichten sinken lassen, wir einander doch begegnen können. Seit langem bewegt mich der Gedanke, dass wir als Kollektiv nur aus diesen Mustern austreten können, wenn der Mann sich als Verlierer des Patriarchats erkennt – nicht um der Frau willen, sondern um seiner selbst willen. Ich denke, dass es Intimität nur dort geben kann, wo jemand „zu Hause“ ist: Also wo es ein Gewahrsein gibt für den Raum der betreten und eingenommen wird. Nur dort kann es eine Einladung geben, ein Willkommenheißen. In meinem schönsten Bild können Personen darin auftauchen wie Klänge, die aufsteigen und sich miteinander verweben.

Und wer bin ich darin? Ich bin Andreas für seinen Impuls zu diesem Experiment sehr dankbar, und es macht Sinn für mich, damit anzufangen, der Frau mehr Raum zu geben um mit und in ihrer Lust aufzutauchen. Wenn ich den noch nachhallenden Klängen und Abdrücken aus der Gruppe lausche, steigt in mir das Bild eines Planeten auf, der einer unsichtbaren Bahn um seine Sonne folgt. Die Gedanken, die dazu auftauchen, sind:

Hingabe, Freier Fall, ein Tempo unterhalb der Fluchtgeschwindigkeit, Ordnung, Harmonie, Frieden

Sex Art and Play front

Abbildung 2: Wir stellen bei unserer Forschung die weibliche Lust ins Zentrum, wir geben ihr Raum aufzutauchen und sich zu entfalten. Es geht nicht um einen Fahrplan oder ein Rezept – es geht darum neugierig zu sein und sich zu entdecken: Lebendig, Unentschuldigt, Willkommend.

Gravitation ist für mich im kosmoerotischen Sinne die Hingabe der Materie an die Struktur der Raumzeit. Mit der Sexualtität ist es glaube ich ganz, ganz ähnlich – wobei es hier auch einen Unterschied gibt. Wir haben zusätzlich noch das Geschenk bekommen, uns einander darin erkennen zu können. Bei all meinem ehrfürchtigen Staunen über die Schönheit, Kraft und Lebendigkeit der nicht-menschlichen Natur, ist es doch der Mensch, mit dem ich mich am meisten verbunden und gleichzeitig am meisten entfremdet fühle. Und in diesem Spannungsfeld mag ich weiter forschen – mit Menschen, die ähnliche Fragen oder Erkenntnisse haben.

Deshalb freue ich mich sehr, dass im August das Seminar „Sex, Art & Play – die unerhörte Lust“ im ZEGG, stattfinden wird. Dort werden wir weiterforschen, uns austauschen und eintauchen in einen neuen Erkundungsraum.

von Steffi Burmeister

Link zur Webseite:; https://www.zegg.de/de/veranstaltungen/programm/104f0a1021394e6787be018993b769c8/sex-art--play--die-unerhorte-lust

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