
Während wir die erste Zeit einer Liebesbeziehung wie im Rausch erleben und Intimität von selbst, aus einer sich gegenseitig bestärkenden Euphorie und Bestätigung heraus, entsteht, gewinnen Liebesbeziehungen, die über die erste Phase des Verliebtseins andauern eine neue Qualität von Intimität. Vertrauen, Bezogenheit und das Wissen umeinander wachsen.
Doch wenn Liebe auf diese Weise intim wird, beginnt auch die gemeinsame Arbeit an der Beziehung. Wir tun etwas dafür, die Beziehung zu erhalten, sowohl im Inneren als auch im Miteinander. Im Inneren heißt das, meine eigene Verletzlichkeit zu erkennen. Was sind Situationen, auf die ich emotional reagiere? Welche Gefühle tauchen auf? Welche Geschichten erzähle ich mir über mich oder mein Gegenüber?
Die empfindlichen Punkte kennenzulernen, die durch nahe Liebesbeziehungen berührt werden, ist eine tiefe innere Arbeit, die Mut, Integrität und Resilienz braucht. Weglaufen wäre einfacher. Aber für die Aussicht auf eine tiefere, erfüllende Intimität lohnt es sich zu bleiben.
Die erste Phase des Verliebtseins ist ein Anker, auf den wir uns rückbesinnen können, für den es sich lohnt zu bleiben. Denn auch in der Verliebtheit liegt eine Wahrheit; die Wahrheit die unsere Schönheit, unsere Qualitäten und unser Potential sieht.
In den Krisen der Liebe kommen beide Seiten an ihre Schmerzpunkte und ihre tiefsten Ängste. In der Not reagieren wir dann oft mit unseren tiefsitzenden Abwehrstrategien.
Es ist nicht leicht, in diesen Momenten zueinander zu kommen. Es braucht dafür bewusste, verabredete und gemeinsam gehaltene Räume. Räume, in denen wir unsere Dynamik beleuchten können, in denen Gefühle, Emotionen und „Filme“ aufgedeckt werden können, ohne dass eine neue Runde „emotionales aufeinander Reagieren“ ausgelöst wird.
Es braucht Selbstverantwortung für das eigene innere Erleben und ein Gegenüber, das im Kontakt bleibt, präsent ist, wirklich zuhört und die emotionalen Bewegungen und Verletzungen anerkennt.
Dafür macht es manchmal auch Sinn, sich Unterstützung von außen zu holen.
Die Paartherapeutin und Bindungsforscherin Sue Johnson hat dies mit der Formel A.R.E. und den damit einhergehenden Fragen beschrieben:
„A“ für accessible (zugänglich): Bin ich zugänglich? Bleibe ich in der Situation?
„R“ für responsive (ansprechbar): Bleibe ich zugewandt und ansprechbar? Kann ich mich zu deinem Erleben in Beziehung setzen, ohne mich zu rechtfertigen oder „Lösungen“ anzubieten?
„E“ für engaged (engagiert): Bleibe ich emotional erreichbar und kann dich mit deinen emotionalen Bewegungen sehen, annehmen und halten? Lasse ich mich davon berühren, ohne mit meinen eigenen zu reagieren?
Wenn wir dies als wechselseitigen Prozess möglich machen, wenn wir gegenseitig unsere Verletzlichkeit sehen und anerkennen können, kann sich die Beziehung vertiefen und wahrhaftiger werden. Dann entsteht wirkliche Intimität, die sich auch in einer nährenden Sexualität ausdrückt. Die Verbindung als Paar stärkt sich im gegenseitigen Sehen und gesehen werden, Halten und Gehalten werden.

Von Sören Heise

Sören Heise, arbeitet als Trainer für Gewaltfreie Kommunikation und Coach für Paare, Teams, Gruppen und Einzelpersonen. Ist seit 2005 in einer erfüllenden Partnerschaft und seit 2012 Vater einer Tochter
und lebt in unserer Nachbar-Gemeinschaft in Lübnitz.
Vom 13. - 16. August 2026 leitet Sören gemeinsam mit Yuna Specht und Ailu Müller im ZEGG das Seminar „Zeit zu zweit – Verbindung stärken, Liebe nähren“. Ein Seminar für Paare, in dem es darum geht, die eigene Paarbeziehung und Bindung in angeleiteten Gesprächen zu vertiefen, die in langjährigen Beziehungen entstehende Intimität zu nähren und sich mit anderen Paaren auszutauschen.